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Eröffnung ÖGU 43. Jahres-Tagung , 4.-6. Oktober 2007, Salzburg:

Ansprache Frau Bundesministerin für Gesundheit, Familie und Jugend, Dr. Andrea Kdolsky:

Sehr geehrter Herr Prof. Blauth, Herr Prof. Tscherne, werte anwesende Präsidenten und Professoren, Ehren- und Festgäste, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Lassen sie mich gleich am Beginn etwas sehr persönliches sagen: Ich bin gerne hierher gekommen, weil ich mich ein bisschen zu Hause fühle. Als Unfallanästhesistin habe ich mit vielen von ihnen zum Teil viele Jahre verbracht. Ärztin zu sein und Ärztin in einem so wesentlichen Bereich zu sein, ist ein großes Geschenk. Die Entscheidung, dies nicht mehr zu tun, war geprägt vom Willen zur Veränderung und zur Gestaltung. Es ist nicht immer ganz einfach in der Politik als Quereinsteigerin und als Fachexpertin. Ich glaube aber, man muss Visionen und Ziele haben und ich bespreche mich jetzt mit ihnen, mit denen ich zum Teil viele Jahre verbracht habe.

Ich werde mich nicht klein kriegen lassen von Journalisten und der öffentlichen Meinung, ich werde weiter geradlinig meine Einschätzung und meine Meinung zur österreichischen Gesundheitspolitik sagen und ich strecke meine Hände vor allem meinen Kolleginnen und Kollegen entgegen, um gemeinsam mit ihnen Strukturen zu schaffen, die dieses hervorragende Gesundheitssystem in Österreich weiter erhalten, weiter finanzieren und weiter ausbauen können. Ich werde mir nicht den Mund verbieten lassen, neue Visionen und Ideen aufs Tapet zu bringen, wissend, dass es viele Stakeholder in diesem Bereich gibt, die natürlich alle lernen müssen, dass die persönlichen Eitelkeiten in den Hintergrund zu drängen sind, wenn es um das Wohl der Patientinnen und Patienten geht, für die wir letztendlich da sind.

Ich bin gerne nach Salzburg gekommen, als Gesundheitsministerin aber auch als Anästhesistin mit Erfahrung im Schockraum in der Unfallambulanz. Herzlichen Dank in diesem Zusammenhang an Herrn Prof. Vecsei, von dem ich viel lernen durfte bzüglich der Kooperation und Kommunikation zwischen Anästhesisten und Unfallchirurgen. Vielen Dank auch an Prof. Richard Kdolsky, der mir als mein Oberarzt auf der anderen Seite sehr viel an Teamwork beigebracht hat und durch seine Qualifikation gezeigt hat, wie Teamwork in der Unfallchirurgie funktioniert. Das war ein wesentlicher Faktor, weil das sehr wichtig ist für den Stellenwert, den die Unfallchirurgie in Österreich und im Gesundheitssystem hat. Wir haben, und Sie wissen das als Fachexperten, etwas mehr als 900 aktive Unfallchirurgen in Österreich, die letztendlich dafür sorgen, dass das gesamte Bundesgebiet bestens unfallchirurgisch versorgt ist und hoffentlich auch weiter in dieser Qualität versorgt wird. Patienten können in Österreich sicher sein, dass sie im Fall einer Verunfallung oder eines Traumas dem Stand des medizinischen Wissens entsprechend, also in bester Qualität, versorgt werden, und dies, wissen wir, wird auch im Ausland anerkannt.

Dafür bekommen wir viel Lob. Ich war vor einigen Tagen in Amerika, und zwar war ich in Washington und Boston und habe auf dieser Reise sehr viele Experten des amerikanischen Gesundheitssystems, Gesundheitspolitiker, verantwortliche Wissenschaftler und Forscher von NIH bis MIT getroffen. Ich muss sagen, dass wir mit unserem Gesundheitssystem eine ganz großartige Position als kleines Land Österreich einnehmen und jeden Tag bin ich ein bisschen gewachsen. Herr Professor Pelinka hat mich begleitet und kann das bestätigen. Sie als Unfallchirurgen decken einen sehr wesentlichen Bereich dieses Systems mit Ihrer Arbeit ab. Aus der Sicht der Patienten, und ich habe vorher angesprochen, dass der Patient im Mittelpunkt meiner Überlegungen steht, sichert die österreichische Unfallchirurgie nach wie vor die flächendeckende Versorgung ab. Es ist mir wichtig, noch einmal zu betonen, dass es bei uns für Patienten einen barrierefreien Zugang zu höchstentwickelter und individueller Unfallversorgung gibt. Das ist nicht überall so. Schauen sie sich einmal um in Europa, es gibt bereits Länder, wo hier Grenzen gesetzt werden: Altersgrenzen, die Grenzen aus finanziellen Gründen gesetzt werden oder weil Nebenerkrankungen vorliegen. Diese Grenzen darf und soll es nicht geben. Ich denke daher, dass wir dafür kämpfen müssen, dass wir die beste Versorgung für alle, die es brauchen, auch weiterhin zum richtigen Zeitpunkt anbieten müssen und sollen. Wir haben ein sehr dichtes Versorgungsnetz von Unfallchirurgen und beispielhaft kurze Transferzeiten. „The right patient to the right hospital“: Das ist ein ganz wesentlicher Faktor und das ist auch etwas, was man in den Koordinationsstrukturen dort und da verbessern kann.

Aber: Nur weil wir ein sehr gutes Gesundheitssystem haben, sollen wir uns nicht zurücklehnen und ausruhen, denn es gibt immer noch Verbesserungsansätze, es gibt immer noch Synergieeffekte, es gibt immer noch bessere Koordination. Jede 10. Österreicherin, jeder 10. Österreicher erleiden bei einem Unfall Verletzungen, die eine unfallchirurgische Behandlung notwendig machen. Insgesamt sind das etwa 840.000 Behandlungen pro Jahr. Drei Viertel der Unfälle passieren mittlerweile im eigenen Haushalt, in der Freizeit und beim Sport. Rund 600.000 Personen verletzen sich in diesen Bereich so schwer, dass sie in einem Krankenhaus behandelt werden müssen und jede 5. Verletzung ist so schwer, dass sie eine stationäre Aufnahme in einem Krankenhaus notwendig machen. Letztendlich sind das 170.000 Fälle im Jahr. Im Durchschnitt haben wir in Österreich an den unfallchirurgischen Abteilungen etwa 7 Behandlungstage, d.h. im Durchschnitt sind es also 1,2 Millionen Behandlungstage, die sie gegenüber den österreichischen PatientInnen absolvieren.

In rund 8600 Fällen führen diese Verletzungen zu einer bleibenden Behinderung und entsprechend hoch ist der Verlust von gesunden Lebensjahren. Wenn wir heute über die Sicherung unseres Gesundheitssystems sprechen, dann können wir in den Strukturen noch sehr viel verbessern. Es ist gar keine Frage: Hier gibt es viele Werkzeuge und Methoden, noch effizienter, noch effektiver zu werden. Aber eins müssen wir auf jeden Fall in den Vordergrund stellen, und das ist die Prävention. Die Vorsorge und Eigenverantwortlichkeit der Menschen gegenüber ihrem Körper, ihrem Organismus soll geschult und sensibilisiert werden. Ich halte es fast für gemein, wenn bei jeder solcher Diskussion dieses berühmte Wort irgendwann im Raum steht, der demographische Wandel. Wir werden alle älter, und man sieht rundherum im Publikum diese entsetzlichen Leidensgesichter, also, ich möchte gerne älter werden, ich lebe gern und bin gern auf dieser Welt und ich würde mich freuen, dass ich noch viele Jahre auf dieser Welt bleiben darf. Es ist immer nur die Frage, wie werden wir älter, und das liegt ein bisschen in unserer eigenen Hand, und da liegt es auch an Unfallchirurgen, im Bereich Refunktion und im Bereich, wie betreibe ich richtig Sport, wie vermeide ich Heimunfälle, wie kann ich entsprechend einen Verlust von gesundem Lebensjahren verhindern.

Es ist mir das natürlich nicht nur aus ökonomischen Gründen, sondern auch aus Sicherheitsgründen für die Bevölkerung ein wichtiges Anliegen, und daher fällt es ihnen auch zu, neben ihren hervorragenden diagnostischen und therapeutischen Fähigkeiten und ihren Tätigkeiten im Rehabilitationsbereich, auch im Bereich Information und Beratung verstärkt diesen Effekt mit einzubeziehen. Von Seiten des Gesundheitsministeriums werde ich als direkte Aufklärungsmaßnahmen Informationen zur Unfallverhütung und Informationen im Mutter-Kind Pass zusammenstellen, und ich verweise in diesem Fall natürlich auch auf die laufende Informations- Kampagne z.B. der AUVA. ‚Baba und fall net’. Sie werden vielleicht den einen oder anderen Spot bereits gesehen haben, probieren sie es einmal zu Hause aus: Wie lange sie auf einem Fuß stehen können und wie gut ihre Gleichgewichts-Rezeptoren trainiert sind. Es gibt ein paar scheußliche Unfälle, wenn man sich den Socken anzieht und nicht auf einem Fuß stehen kann und umfällt. Herzlichen Dank der AUVA für diese Informations- Kampagnen, denn es ist nicht unwesentlich, ganz abgesehen davon, dass ein gutes Gleichgewichts-Rezeptoren Training überhaupt nicht schlecht ist.

Aus finanzieller Sicht ist der österreichsche Weg der Unfallchirurgie ein sinnvoller, denn in Österreich ausgebildete Fachärzte der Unfallchirurgie, und da trete ich wieder direkt an sie, werte Kolleginnen und Kollegen, heran, sind eigenverantwortlich einzusetzen und im Unterschied zu einem Basis Facharzt für Orthopädie, siehe Deutschland, der bei ähnlich langer oder längerer Ausbildungszeit diese Eigenverantwortlichkeit nicht übernehmen kann. Ich stehe nicht an, hier wiederum eine Position einzunehmen, und nicht, wie üblich bei Politikern, in der Mitte eines Bergkamms entlang zu kämpfen.

Ich war als Unfall-Anästhesistin immer eine Verfechterin dieser Unfallchirurgie, wie sie seit Böhler ausgebaut ist. Der Schockraum stellt eine hervorragende Struktur für die Patientinnen und Patienten dar, eine schnelle, eine effiziente Behandlung. Auf meiner Reise in Amerika habe ich gesehen, wie lange es oft dauert, bis die 5 oder mehr Spezialisten vom Schädel über die Milz , über den Magen, über die Extremitäten bis hin zu den neurologischen Fachärzten zusammengekommen sind, dass ist etwas, dass wir in Österreich in dieser Form nicht haben und darauf bin ich stolz.

Historisch betrachtet hat Professor Böhler bewiesen dass auf Unfälle und auf ihre Nachbehandlung spezialisierten Ärzte dafür sorgen müssen, dass diese Patienten auch wieder schneller auf die Beine kommen und vor allem in den Arbeitsprozess kommen und so das Gesamtsystem entlasten können. Ich glaube aber, und da sieht man, dass ich versuche, nicht einseitig zu denken, dass es ganz wesentlich ist, noch einen zusätzlichen Bereich zu beleuchten, nämlich die Strukturen der Orthopädie und der Unfallchirurgie in jenen Bereichen, wo es Überschneidungen gibt. Es ist sehr wichtig, das Miteinander, das gemeinsame Nutzen von Ressourcen zwischen den Unfallchirurgen und Orthopäden, und das Miteinander für den Patienten zu fördern. Ich habe sowohl die Freude gehabt in der Hofburg zu erkennen, dass es das Miteinander von Seiten der Orthopädischen Gesellschaft gibt. Ebenso freue ich mich heute hier in Salzburg zu sehen, dass es dieses Miteinander auch von Seiten der Unfallchirurgischen Gesellschaft gibt. Das finde ich gut. Das ist der einzige Weg, auf den wir gemeinsam in den nächsten Jahren weiter kommen werden. Es muss uns natürlich speziell wichtig sein, dass sich das kleine Österreich keine redundanten Strukturen leistet. Was meine ich damit? Ich bin darauf gekommen, dass es am besten ist, mit ganz konkreten Beispielen zu arbeiten. Es ist nicht einsehbar, dass in einem mittelgroßen Landspital, wo es eine Orthopädie und eine Unfallchirurgie gibt, zwei unterschiedliche Navigationssysteme, mit zwei unterschiedlichen Gesamtstrukturen eingeführt werden. Warum kann man denn um Gottes Willen nicht eines gemeinsam nützen? Also, da geht es meistens um diese Eitelkeiten, die ich schon zu Anfang angesprochen habe. Sein wir einmal ehrlich, am Schluss ist es doch effizienter, wenn beide dieses eine Navigationssystem nutzen und noch budgetäre Mittel vorhanden sind, um sich etwas anderes zu leisten Zum Beispiel, um junge Menschen zu unterstützen, wenn sie in andere Länder gehen, und zeigen, was sie hier gelernt haben und schauen, was dort möglich ist.

Ich appelliere sehr an alle Verantwortlichen, die hier anwesend sind, dass sie diesen Öffnungsprozess weiter tragen.

Es freut mich, dass dieser Dialog begonnen hat, es freut mich, dass ich in einer Pressekonferenz mit Prof. Kotz und Prof. Vecsei diesen Dialog eigentlich ein bisschen mitpräsentieren durfte und ich glaube, dass sie am Anfang dieses Dialogs sind und dass ich frech sagen kann, gehen sie weiter in diesem Dialog, es ist ein wichtiger und zukünftiger.

Eine akute Situation möchte ich hier nicht außer Acht lassen und auch anschneiden. Ich habe vorher mit Prof. Hertz diskutiert, ich weiß, dass es vor allem beim Transport von Unfallverletzten große Schwierigkeiten in den Finanzierungsstrukturen gibt, vor allem mit den Hubschraubertransporten. Mir ist unverständlich, wie es überhaupt zu diesen Problemen kommen kann, denn wiederum, im Mittelpunkt muss der Patient stehen. Es gibt hier einige Verbesserungsansätze, wo Lösungen durch die Länder oder die Sozialversicherungsträger geschaffen werden können, und ich habe auch in Absprache mit Prof. Hertz und Prof. Vecsei und den Verantwortlichen gesagt, jede Entscheidung, die die Österreichische Gesellschaft für Unfallchirurgie trifft, werde ich sehr gerne unterstützen, und das, was ich in meiner relativ geringen Kompetenz als Gesundheitsministerin in die Waage legen kann an Gewicht, das werde ich verwenden, vor allem und vermehrt, als wir jetzt vor den Länderverhandlungen stehen. Ich glaube, dass das schnelle Transportieren eines Patienten zum nächsten Spital, das helfen kann, ist eines der großartigen Dinge, die wir in diesem Gesundheitssystem anbieten, und damit haben wir viel Leid von den Familien, viel Leid von Einzelpersonen abgebogen und, dass ist unsere eigentliche Aufgabe.

Mir bleibt jetzt nur noch, Ihnen heute hier und für die nächsten Tage interessante Seminare, Gespräche und Meinungsaustausch zu wünschen. Ich glaube, ich bin jetzt 4 Jahre aus dem Geschäft, und es hat sich soviel getan, übrigens auch ein Grund, warum ich sage Medizin ist auch ein Handwerk, daher braucht man Fallzahlen. Auch wenn das nicht jeder so gerne hört, aber ich weiß nicht, ob ich als Anästhesistin heute in einer schwierigen Notsituation mit schwierigen Patienten noch das leisten könnte, was ich noch vor 4 Jahren, glaube ich, zur vollsten Zufriedenheit aller, leisten konnte. Also, ich finde es spannend, welche neuen Themen Sie haben.

Aber ich hoffe, dass sie gemeinsam mit viel Motivation, mit viel Tatendrang diese Tagung absolvieren, dass sie nach Hause kommen in ihre Spitäler, in ihre Ordinationen, und weiter diesen Zusammenschluss mit anderen Fachrichtungen und mit ihren Patientinnen und Patienten genießen und leben. Und ich kann Ihnen nochmals abschließend meine Hand hinhalten. Sie haben eine Gesundheitsministerin, die Ärztin ist. Sie haben eine Gesundheitsministerin, die menschlich ist. Sie haben eine Gesundheitsministerin, die versucht, den österreichischen Weg zu gehen, die Menschen an einem Tisch zu bringen und Entscheidungen umzusetzen. Sie sind ein wichtiger Teil dieser Entscheidungsstruktur und ich lade Sie ein, mir bei dieser schweren Aufgabe zu helfen und danke Ihnen nochmals, dass Sie mich eingeladen haben. Herzlichen Dank!

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