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Menschen über 60 belegen die Hälfte der Spitalsbetten Unfallchirurgentagung beschäftigt sich mit Unfällen im Alter

Salzburg (ÖGU ) – 05.10.2005 – Fallbeispiel: Vor 5 Jahren stürzte ein 86-jähriger, rüstiger Mann und brach sich den rechten Oberarm. Bei der Erstversorgung im Wohnsitz-Krankenhaus wurde der komplette Arm samt Oberkörper eingegipst mit den tristen Aussichten, dass die Funktionsfähigkeit des Armes voraussichtlich nicht mehr komplett wiederhergestellt werden kann. Die Familie des 86-jährigen kontaktierte daraufhin eine Unfall-Schwerpunktabteilung. In einer halbstündigen Operation wurde damals der Oberarmknochen mit einem Nagel fixiert. Herbst 2005: Der mittlerweile 90-jährige Mann erfreut sich bester Gesundheit, kann seinen rechten Arm problemlos bewegen und braucht keine Pflege. Die vermeintlich teure Operation hat der Allgemeinheit jahrelange Pflegegeldzahlungen erspart und war somit der billigste Weg. Die demographische Entwicklung in Österreich mit immer älteren Menschen stellt nicht nur gesellschaftliche sondern auch medizinische Herausforderungen dar. Anlässlich der 41. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Unfallchirurgie (ÖGU) fordert Präsident Univ. Prof. Dr. Herbert Resch von den Salzburger Landeskliniken die finanziellen Voraussetzungen für den Einsatz modernster Operationstechniken, damit auch ältere Patienten rasch in die gewohnte Umgebung zurückkehren können: „Der Einsatz einer auf den ersten Blick teuren Medizintechnik wird billig, wenn man die dadurch erwirkten Ersparnisse bei der Rehabilitation berücksichtigt.“ In den nächsten 40 Jahren wird sich die Zahl der über 80-jährigen verdreifachen. Dementsprechend stark wird auch die Notwendigkeit einer umfassenden medizinischen Betreuung wachsen. OA Dr. Richard Maier, Leiter des Unfallchirurgischen Departments im Thermenklinikum Baden und Bundesfachgruppenobmann der Österreichischen Ärztekammer: „Hat es im Jahre 1989 noch 11.000 Oberschenkelhalsfrakturen in Österreich gegeben, so waren es im Jahre 2001 bereits 16.000 und im Jahre 2010 ist mit einer Verdoppelung gegenüber 1989 zu rechnen.“ Schon heute sind mehr als 50% aller unfallchirurgischen Spitalsbetten mit Menschen über 60 Jahren belegt. Die Unfallchirurgen haben es vor allem mit Frakturen des Oberschenkelhalses, des Handgelenkes, des Oberarmkopfes und der Wirbelkörper zu tun. Diese Verletzungen nehmen im Alter exponentiell zu, d.h. mit zunehmendem Alter verletzt man sich im gleichen Zeitabschnitt immer öfter. Prim. Dr. Walter Buchinger vom Waldviertelklinikum Horn: „Wir werden künftig nicht nur mehr unfallchirurgische Akutbetten benötigen, sondern auch der Bedarf an Rehabilitationseinrichtungen wird in den nächsten Jahren überproportional wachsen“. Buchinger berichtet weiters von einem erfreulichen Trend in der Unfallchirurgie, wo die Osteoporoseprophylaxe seit 2004 deutlich angehoben werden konnte. Anlässlich einer Erhebung durch Osteoporosespezialisten im Jahr 2004 lag die Häufigkeit der Therapieempfehlungen nach osteoporotischen Frakturen im Staate New York bei 1 %, in Österreich bei 20 %. Das war zwar erheblich besser, aber immer noch nicht gut. Österreichs Unfallchirurgen haben es sich zur Aufgabe gemacht, das Problembewusstsein für die Volkskrankheit Osteoporose in ihrer eigenen Zunft, bei den niedergelassenen Kollegen und bei den Patienten selbst zu verbreiten. Es sind ja die Unfallchirurgen, die nach einem Knochenbruch nicht nur ein Röntgenbild, sondern einen Menschen behandeln. Einer jüngst unter den Unfallabteilungen Österreichs durchgeführten Erhebung zur Folge zeichnet sich ein erfreulicher Trend ab: In fast zwei Drittel der Fälle wird bereits an den Abteilungen mit einer Osteoporoseprophylaxe begonnen, und 80 % der Patienten erhalten bei ihrer Entlassung eine Therapieempfehlung für ihren weiterbehandelnden Arzt, es ist also bereits eine wesentliche Sensibilisierung innerhalb der letzten 5 Jahre eingetreten. Weitere Projekte – mit interdisziplinärem Ansatz – sind vorgesehen, um diese Aufmerksamkeit noch mehr zu erhöhen, und die „Volkskrankheit Osteoporose“ in den Griff zu bekommen. Trotz der ständigen Entwicklung neuer Implantate, die üblicherweise eine sofortige Mobilisierung nach einer Operation ermöglichen, können etwa 70% nicht sofort in ihre gewohnte Umgebung zurückkehren, sondern benötigen noch eine Anschlussbehandlung in einer Rehabilitationseinrichtung. „Vielfach wird eine Osteoporoseerkrankung erst im Zuge einer Operation erkannt“, weiß Prim. Univ. Doz. Dr. Helmut Breitfuß, ÖGU-Generalsekretär vom Bezirkskrankenhaus Kufstein. Weiters erklärt Breitfuß: „durch neu von Unfallchirurgen entwickelte winkelstabile Implantate können Knochenbrüche bei Osteoporosepatienten besser und stabiler operativ versorgt werden. Durch diese Innovation ist eine deutlich frühere Belastung und Mobilisierung des Patienten möglich. Bei Wirbelkörperbrüchen und Osteoporoseerkrankung wird mit Sonden Knochenzement über kleine nur 6 mm große Hautschnitte ohne große Belastung für den Patienten in den gebrochenen Wirbel eingebracht und so rasch eine Schmerzfreiheit und Bewegungsmöglichkeit erzielt.“ Nach einhelliger Meinung der Unfallchirurgen sind künftig auch noch umfangreichere Maßnahmen in der Primärprophylaxe und Sekundärprophylaxe unbedingt notwendig, um die Verletzungsgefahren älterer Menschen zu mindern. Neben Aufklärungen über die Notwendigkeit ausreichender Bewegung im Alter, einer guten Beleuchtung und der Beseitigung von Stolperfallen im Wohnbereich dient auch die vorbeugende Osteoporosebehandlung der Vermindung der Verletzungsgefahr. „Wiederholte Stürze kann man mit dem Anlegen von Sturzprotokollen und sogenannten Sturzambulanzen mit interdisziplinären Behandlungen oft erfolgreich verhinderen“, ist Univ.Prof. Dr. Harald Hertz vom Wiener Lorenz Böhler Unfallkrankenhaus überzeugt.

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