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Qualitätssicherung in der Unfallchirurgie – Ist die Politik säumig?

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  • 47. ÖGU-Jahrestagung im Zeichen der Qualitätssicherung der Unfallchirurgie
  • Flächendeckende osteoporothische Früherkennung notwendig
  • Kinderschutzregister rascher auf Datenschutz abklären
  • Existierendes Hüft-und Knieregister endlich umsetzen

Wien (OTS) – Vom 6. bis 8. Oktober findet in Salzburg die 47. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Unfallchirurgie (ÖGU) unter dem Motto „Qualität für Behandelte und Behandler“ statt. Dabei werden Österreichs Unfallchirurgen sowohl die Weiterentwicklung der flächendeckenden Unfallversorgung als auch die Frage nach eigenen Qualitätssteigerungs- und Fehlervermeidungssystemen diskutieren. „Wir bieten Platz für wissenschaftlichen Austausch und standespolitische Grundsatzdiskussionen – frei nach Albert Einstein: „Wer noch nie Fehler gemacht hat, hat es noch nie mit etwas Neuem versucht“, so der Leiter der unfallchirurgischen Abteilung am AKH Linz und amtierender ÖGU-Präsident Oskar Kwasny. „Wir behandeln jährlich etwa 10% der österreichischen Bevölkerung. Diese Größe sollten wir nützen. Aber für eine breit angelegte und wirksame Qualitätsoffensive benötigen wir auch die geeigneten Rahmenbedingungen“, so Kwasny.

Vorbild deutsches Traumaregister
Das von deutschen Ärzten 1993 ins Leben gerufene Traumaregister dient Österreichs Unfallchirurgen als Vorbild, wie mit vernetzter Zusammenarbeit und laufender Datenauswertung die Behandlungsqualität gehoben werden kann. Seit 2000 ist das Register auch international offen und erfasste bis Ende 2010 fast 70.000 eingetragene Patienten. In Summe beteiligen sich derzeit 367 Kliniken aus sieben Ländern an diesem Projekt. „Dieses System trägt zur Qualitätssicherung bei und legt den Grundstein für Qualitätssteigerungen bei der Versorgung von Schwerverletzten.
Alle Institute, die in das Register einspeisen, erhalten regelmäßige Rückmeldungen und können mit den Daten Vergleiche anstellen und voneinander lernen. So etwas brauchen wir dringend auch in anderen Bereichen“, so Präsident Kwasny. Aufgrund der umfassenden Datenlage ist es auch möglich, Leitlinien für die optimale Behandlungsstrategie abzuleiten.

Breitere osteoporothische Früherkennungssysteme notwendig
Im Bereich der Osteoporose registrieren Österreichs Unfallchirurgen seit vielen Jahren einen Anstieg an osteoporothischen Frakturen. Diese führen zu Immobilität und Pflegebedürftigkeit, zu Schmerzen und verminderter Lebensqualität. Auch steigt die Zahl derer, die keine Kenntnis über ihre osteoporothische Veranlagung haben und über leichte Präventionsmaßnahmen Frakturen und Verletzungen verhindern könnten. Österreichs Unfallchirurgen rufen daher, in Anlehnung an die Einführung der flächendeckenden Tetanus- Impfungen, zu einem breiten fachübergreifenden Konsens zur rascheren Früherkennung der Osteoporose auf. Denn lt. dem ersten österreichischen Osteoporose-Bericht sind in Österreich rd. 700.000 Menschen von Osteoporose betroffen. Die Kosten für die jährliche Akutversorgung belaufen sich auf fast 500 Mio. Euro.
„Die rechtzeitige Erkennung sollte gleich der Startschuss für geeignete Maßnahmen wie Zufuhr von Vitamin D oder die weitere osteologische Basisabklärung sein. Wir Unfallchirurgen brauchen daher abgestimmte Vorsorgeprogramme und eine bessere Vernetzung mit anderen Fachdisziplinen, um die Patienten entsprechend ihres Risikos optimal zu versorgen“, so Richard Maier, Bundesfachgruppenobmann der Unfallchirurgen in der Ärztekammer.

Baustelle Kinder-und Gewaltschutzregister
Bereits vor zwei Jahren forderte die ÖGU die Einführung eines Kinder-und Gewaltschutzregisters zur rechtzeitigen Früherkennung von Gewalt und/oder Missbrauch an Kindern und Frauen. Dieses Register würde Spitalsärzten dabei helfen, rasch abzuklären, ob ein Kind bereits ein-oder mehrmals mit ähnlichen Verletzungen in einem anderen österreichischen Spital behandelt wurde.

„Wir sehen verletzte Kinder als erste. Oft stimmt die Unfallversion der Eltern nicht mit dem diagnostizierten Verletzungsmuster zusammen. Dann schrillen unsere Alarmglocken, aber wir stoßen an einen Grenzbereich. Wir sitzen seit zwei Jahren mit der Politik und Experten zusammen, um für den Kinderschutz das Register umzusetzen. Aber es muss einfach schneller gehen. Wir fordern die zuständigen Politiker auf, rasch das System dieses Registers auf Datenschutz zu klären, damit wir rascher zum Schutz der Kinder eingreifen können“, so Prof. Richard Kdolsky vom AKH Wien.

Hüft-und Knieregister als Tool für Qualitätssteigerung
Eine gemeinsame Arbeitsgruppe im ÖBIG zwischen Orthopäden und Unfallchirurgen hat bereits ein Hüft-und Knieregister ausgearbeitet. Eine Umsetzung ist dringend erforderlich. Jährlich werden in Österreich rd. 30.000 künstliche Hüft-und Kniegelenke implantiert – Tendenz steigend. Das am Tisch liegende Registersystem, mit einer Produktdatenbank hinterlegt, erfasst alle relevanten Eingriffe in standardisierter Form und wird durch die behandelnden Ärzte auch mit Merkmalen aus Folgeoperationen gespeist. Es schafft daher Transparenz und optimiert langfristig die Behandlungsqualität. „Mit einem Register erkennen wir ganz rasch, welches Gelenk sich bewährt hat oder welche Folgewirkungen manche Hüftgelenke bei Patienten haben. Mängel können so langfristig reduziert und die Qualität der Behandlung kann gehoben werden“, so Richard Maier. Die österreichischen Unfallchirurgen unterstützen jegliche Bestrebungen des Bundesministeriums, über Registersysteme die Qualität der Behandlung zu verbessern und so die Patientensicherheit zu heben.

Interne Qualitätsstandards und Beschwerdemanagement
Viele Krankenhäuser haben heute so genannte CIRS-Systeme (Critical Incident Reporting System), die durch eine aktive Rückkoppelung von Beinahe-Fehlern ein Lernen ermöglichen. Die Etablierung von Risk Management ist gerade bei Akutabteilungen notwendig, da die Planung schwieriger ist und daher besonders ein System fehleranfällig sein kann. Ebenso gehört die Einrichtung von Beschwerdemanagements zum Standard in der heimischen Unfallchirurgie.

„Das alles hat nichts mit Überwachung oder Kontrolle gegenüber der Kollegenschaft zu tun, sondern dient dem Informationsaustausch und dem Lernen von Fehlern im Sinne einer Qualitätsverbesserung, die ja wiederum den Patienten zugutekommt. Ich sehe im stetigen Ausbau dieser internen Systeme eine absolute Win-win-Situation“, so Oskar Kwasny.

Kommission zur Zukunft der Unfallchirurgie
Mit der Weiterentwicklung ihres Faches beschäftigen sich die Unfallchirurgen in Form einer Zukunftskommission. Darin wird der Fokus u.a. auf Qualitätssicherung und die notwendige Anpassung an neue gesetzliche und strukturelle Rahmenbedingungen gelegt, die entscheidend für den Fortbestand des Faches und die Aufrechterhaltung des hohen unfallchirurgischen Niveaus in Österreich sind. „In diesem Sinne werden wir im Rahmen der Änderungen in der Ausbildungsordnung auch darauf achten, schon in der Ausbildungsphase die richtigen Weichen zur Qualitätssicherung zu stellen und beispielsweise auf ein Rotationssystem hinarbeiten“, so Prim. Thomas Neubauer vom Waldviertelklinikum Horn. „Ein abgestuftes Versorgungssystem braucht auch eine eigene Zuordnung in der Ausbildung. Darüber hinaus muss im europäischen Rahmen unbedingt die Kompatibilität und Konkurrenzfähigkeit unserer jungen Kollegen gesichert werden, wobei man sich nicht scheuen darf, Brücken zu anderen Fachgebieten zu schlagen. Auch muss es uns auf längere Sicht gelingen, durch vernünftige Ausstiegsszenarien für langjährig tätige Kollegen die Attraktivität unseres Faches zu steigern, welches sicher zu einem der stressreichsten und körperlich forderndsten Fachgebiete der Medizin gehört,“ so Neubauer abschließend.
Rückfragehinweis:
Kovar & Köppl Public Affairs Consulting
Mag. Martin Stradal, Tel.: 01/522 92 20 – 25
martin.stradal@publicaffairs.cc
Pressespiegel
PDF salzburg.orf.at (pdf, 98 kb)
PDF derStandard.at (pdf, 29 kb)
PDF Kurier (pdf, 913 kb)
PDF Kleine Zeitung (pdf, 434 kb)

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